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Disqualifikation (DSQ) ist keine Option

Warum ich 70ster von 75 Startern und trotzdem erster auf meiner Distanz wurde.

Aber von vorne: Heute steht der erste und einzige geplante Triathlon auf dem Programm – der Würzburg Triathlon. Der Name läßt vermuten, dass dieser in Würzburg statt findet. Dann wäre aber auch Flughafen Hahn in der nähe von Frankfurt. Tatsächlich findet dieser kleine, schöne Triathlon in Erlbrunn im Spessart statt. Wunderschön gelegen und ca. 1:30 Autostunden von Frankfurt entfernt. Da die Startnummernausgabe um 7 Uhr und die Wechselzone um 8:15 Uhr geschlossen wird und der Start um 9 Uhr ist, geht es um 5:30 Uhr los. Das heißt, aufstehen um 4:30 Uhr! Fast wie beim Ironman – da stehe ich um 3:30 Uhr auf. Aber es ist ja nur eine Mitteldistanz, eine Stunde mehr Schlaf ist absolut gerecht.

Der Start/Zielbereich liegt am See des Naherholungsgebiets und ist ideal für die Zuschauer. Zuerst stehen 3,5 Runden schwimmen im See an. Die Radstrecke für die Mitteldistanz entspricht der olympischen, nur dass man sie zweimal fährt. In Erlbrunn führt sie direkt am See vorbei. Die abschließende Laufstrecke sind 4x5km um den See. Als Zuschauer sieht man die Athleten also wirklich oft und während der Radrunde kann man einfach am Badesee chillen. Traumhaft.

Als erfahrener Athlet ist das Thema Check-in kein Thema und auch die anschließende Wettkampfbesprechung bringt nichts Neues, außer dass es Neoverbot gibt. Aber das sollte kein Problem sein. Letztendlich ist das für alle gleich. Dazwischen schnacke ich etwas mit der Europameisterin, die mich heute supportet, und ihren Vereinskollegen vom SCO. Der SC Oberursel scheint mir eine witzige Truppe zu sein. 😉

Pünktlich um 9 Uhr geht es los und Carlos hat mir für heute einen klaren Fahrplan gegeben:
Swim: Richtig hart anschwimmen, also kein Korn zurückhalten, aggressiv an den Füßen der Mitstreiter schwimmen.
Bike: Die ersten 10 Minuten bei 220 Watt, dann auf 238-245 Watt hochziehen und die Anstiege nicht überpacen. Auch hier was riskieren
Run: 1. Km in 4:40, 2.km in 4:30, dann auf 4:13-15 einpendeln.

LECK MICH FETT. So eine Ansage gab es bisher noch nie. Aber hilft ja nichts. Vorne eingereiht, stehe ich am Landstart und nachdem wir gemeinsam den Countdown gezählt haben, geht es los. Und zwar volle Kanne. Bei der zweiten Boje zieht mich ein Drecks… an der Schulter nach hinten, aber ansonsten läuft das Schwimmen echt super. Ich brauche nur 33:xx für die 2.100m. Damit sollte Carlos zufrieden sein. Ich bin es jedenfalls.

Jetzt kommt der zweite Teil. Rad fahren. Auf den ersten Metern langsam einpendeln, etwas schneller als die Vorgabe, aber langsamer als einige andere Athleten, geht es auf die Strecke. Die Wattwerte pendeln sich bei 240 ein, ich überhole ein bis zwei schnelle Schwimmer und werde lediglich 2 mal selbst überholt. Die Strecke ist relativ wellig. In Wales nennt man das Rolling Hills. Insgesamt vier echte Hügel gilt es zu überwinden. Ich überhole langsam weitere Radler, die entweder schneller geschwommen sind oder bereits jetzt überzogen haben. Meine Wattwerte sind super und ich bringe ordentlich Druck auf die Kette. Die erste Runde ist geschafft – das zeigt sich auch an den „Jedermännern“, die aufeinmal vor mir auftauchen. Eine ruft mir zu „Da ist bestimmt ein Motor im Rad“. Das ist mal ein geiles Kompliment. Die Wattwerte sind etwas gefallen, aber ich bin immer noch Top unterwegs. Und schon taucht die 40 km-Markierung auf. Ein kurzer Blick auf den Tacho: 32 km. Alles klar. MOMENT!

Was ist denn hier passiert? Die Mitteldistanz fährt zweimal die olympische Runde und am See wendet man auf die zweite Runde. Kurz vor Ende der ersten Runde gibt es einen Kreisel. Bei der Einfahrt zeigt ein Pfeil geradeaus und an der ersten Ausfahrt danach ein Pfeil nach rechts. Diesen Weg bin ich gefahren. Gemeint war aber, dass man geradeaus durch den Kreisel Richtung See fährt, dann wendet und zurück zum Kreisel und dann die dritte Ausfahrt nimmt. Dafür ist der Pfeil gedacht, den ich abgefahren bin. Das Ganze realisiere ich leider erst nach Ende meiner zweiten Runde.

Ich hatte das Gefühl, dass der Streckenposten mich beim Pfeil nach rechts gewunken hat, aber letztendlich ist es egal. Ich bin als Athlet für mein Tun verantwortlich und kann die Schuld nicht bei anderen suchen. Zudem kann ich mir nicht mal 100 Prozent sicher sein, dass der Streckenposten mich falsch geleitet hat. Durch dieses verfrühte Abbiegen habe ich ca. 9 km gespart und befinde mich jetzt natürlich auf Platz 1 der Mitteldistanz. Das ist unsportlich. Ich denke also darüber nach, was ich tun soll.
1. Sauer alles hinschmeissen? = Did not finish (DNF)
2. Durchfahren und bescheissen
3. Durchfahren und wenn ich vom Rad steige zum Schiedsrichter gehen und sagen, dass ich falsch gefahren bin und aus der Wertung genommen werden möchte. Danach das Rennen zu Ende laufen. = DSQ

Ich entscheide mich mental für Lösung drei. Denn 1 und 2 ist keine Option und widerspricht meinem eigenen Wertegefühl. Ich versuche weiter, die Wattwerte hochzuhalten. Immerhin möchte ich wissen, was ich leisten kann und da ist es egal, wie ich ins Ziel komme. Einfach ist es aber nicht, da mich das Ganze echt ärgert. Während ich so fahre, denke ich mir, dass ein DSQ keine Option ist. Ich will finishen, aber fair. Aber bescheißen will ich auch nicht. Also gibt es nur eine Option: Ich fahre einfach 3 Runden. Als ich bei der Wende ankomme, ist aber niemand da, der prüft, ob man sich auf Runde 1 oder 2 befindet. Ich möchte nicht wissen, wie viele heute einfach 10 km weniger gefahren sind. Ich höre später auch, dass ich nicht der einzige war, der die Abzweigung genommen hat. Egal. Ich befinde mich jetzt auf Runde 3. Selbstredend, dass es jetzt einsam ist. Ich überhole noch ein paar langsame Starter, die sich auf ihrer echten 2. Runde befinden. Die Wattwerte gehen etwas runter, was aber auch mit meiner Motivation zu tun hat. Und mit dem unteren Rücken, den ich langsam spüre. Nach 100 km und etwas mehr als 3 Stunden bin ich endlich in der Wechselzone. Ärgerlich: Bei Kilometer 65 – 67 hatte ich ca. 1:50h auf der Uhr, d. h. ich wäre locker in die Top 10 gefahren und hätte vermutlich um den AK Sieg gekämpft. Aber das weiß ich zu diesem Zeitpunkt alles nicht. Jetzt geht es auf die Laufstrecke. Ich kann Carlos‘ Vorgabe zu nahezu zu 100 Prozent umsetzen. Ich fliege an den anderen Läufern vorbei und mache im Zielbereich immer etwas Stimmung mit den Zuschauern. Das Rennen ist echt genial. 1:25:xx ist meine Laufzeit.

Nach 5:07h overall komme auch ich als 70. ins Ziel gelaufen. Aber ich bin der Einzige, der heute 100 km Rad gefahren ist. Also bin ich erster auf meiner Distanz. 😉

Mein Fazit:
1. Vertraue keiner Wettkampfbesprechung oder einem Streckenposten. Du musst die Strecke kennen. Im Zweifel auf das Garmin laden und kontrollieren.
2. Meine Form ist echt gut.
3. Der Würzburg Triathlon ist eine tolle Sache und super organisiert. Danke an alle Helfer. Ihr seid nicht schuld an meinem Missgeschick, aber vielleicht könnt Ihr die Markierung am Kreisel etwas verbessern. Beispielsweise mit einem Hinweisschild bei besagtem Kreisel. „Mitteldistanz auf der ersten Runde geradeaus.“ Und/oder die Streckenposten briefen und/oder das Ganze in der Wettkampfbesprechung ansprechen. Aber nochmal, IHR SEID NICHT schuld. Ich bin als Athlet für mein Handeln verantwortlich.
4. Ich habe kein DSQ in meiner Vita. YEAAH
5. Ich habe meinen eigenes Wertegfühl eingehalten und bin länger gefahren, statt den einfachen Weg zu gehen.

So gesehen war es ein geniales Rennwochenende. Jetzt eine Woche locker und nächste Woche anfeuern beim Ironman in Frankfurt. Danach geht es wieder voll los.

Keep calm & carry on
Euer Orange Hat