Die Wand und ein Schotterweg

Die Marken sind ein wunderschöner Landstrich. Entstanden durch Vulkanausbrüche, gibt es hier eine zerklüftete Landschaft mit Burgen und mittelalterlichen Städten.

Aber leider bedeuten „zerklüftete Landschaften“ auch wellige Straßen, die teilweise sehr rau sind. Polen war ein Kinderpopo im Vergleich zu dem, was sich uns offenbarte.

Wieder ging es um 4 Uhr los. Die Beine von den letzten Tagen stark angeschossen. Die Muskeln waren hart und schwer.
Das kann ja heiter werden: Als Warmup geht es gleich einmal wellig los. Nach einigen Berg- und Talfahrten erscheint ein Ort. Ich höre nur „Der Track geht links“, ich denke mir „NEIN“. Da wo es steil bergab geht, geht es auch berghoch. Nach wenigen Metern steht sie vor mir: DIE WAND! 20 Prozent Steigung! Da die Steigung direkt nach einer engen Kurve kommt, haben wir kaum Schwung.Also. Beißen!

Die Steigung  nehme ich erst im Sitzen, dann gehe ich in den Wiegetritt. Dann passiert mir der entscheidende Fehler: Ich setze mich wieder hin. Warum ist das ein Fehler?

Durch das Setzen verlege ich den Schwerpunkt nach hinten, das Vorderrad verliert den Bodenkontakt. Ich muss ausklicken, um nicht zu fallen. Bei 20 Prozent Steigung ist ein Wiederanfahren unmöglich. Und ein paar Meter bergab zu rollen, ist keine Alternative, da die Straße zu eng zum Wenden ist. Merksatz von Joh: ab 18% in den Lenker beißen (dadurch liegt der Schwerpunkt richtig 😎)

Neben mir haben fast alle ein Problem mit der Steigung. Auch das Auto bekommt Probleme. Details sage ich lieber nicht. Immerhin war es ein Mietwagen.

Es ist klar: Die Autos müssen wenden und wir fahren weiter. Denn der Track ist Gesetz. Eine Abweichung vom Plan wird nicht akzeptiert! Das ist wichtig, da der Track der ausgetüftelte Weg ist und jede Abweichung es nur verschlimmbessern kann. Die verbleibenden 7 Radler (Simon musste mit dem Stahlrad aussteigen) ziehen weiter. Wir sind froh, nach dem ganzen Auf und Ab Urbino zu erreichen. Fast drei Stunden für 42km – in dem Tempo schaffen wir die 300km nach Rom nie.

In Urbino hecken wir einen neuen Schlachtplan aus. Wir bleiben auf dem Track. Das Begleitauto sucht nach einer optionalen Route. Außerdem versuchen wir, solange wie möglich auf der Schnellstraße zu bleiben. Leider können wir uns das schöne Urbino nicht anschauen, dafür haben wir eines der besten Cafés erwischt, das auch Meetingpoint des örtlichen Mountainbikeclubs ist. Frisch gestärkt geht es über Abfahrten und steile Anstiege (keine 20%, aber bestimmt 13%), bis wir irgendwann die Schnellstraße erreichen. Jetzt machen wir die richtige Entscheidung.

Während sich der Track landschaftlich schön um und über zwei Berge schlängelt, durchfahren wir den Berg einfach durch die Tunnel. Keine Ahnung, ob wir ohne diese Entscheidung jemals angekommen wären.

Aber nicht alle Entscheidungen waren optimal. Denn im Begleitauto wird weiter nach dem idealeren Track gesucht, und wir Radler werden kurzerhand links auf eine Nebenstraße geschickt. Aber nach 1100km hinterfragt man keine Befehle mehr. Es wird gefahren, was angesagt wird. Bergauf geht es noch auf Teer, bergab wandelt die Straße sich in einen Schotterweg. Dafür kommt uns hier kein Auto entgegen. Ob es tatsächlich eine Straße war und es sich um eine „Abkürzung“ handelte, wird das ewige Geheimnis von Johannes bleiben.

Aber immerhin kommen wir irgendwann wieder auf eine normale Straße. Ein Schild mit dem Hinweis „Rom“ zeigt uns: Wir sind richtig.

Zwei Highlights gibt es aber noch zu berichten, bevor das Finale kommt. Einmal die Mittagspause: Das Begleitfahrzeug hatte eine Pizzeria gefunden, in der die Pizza meterweise verkauft wurde. Und während wir auf die Pizza warten, muss ich mich erstmal auf dem Boden langstrecken. Sch..egal, ob das in den Film kommt 😉

Das zweite Highlight ist ein Anstieg direkt nach einer Eisenbahnschranke. Wieder eine 20prozentige Wand. Diesmal mache ich alles richtig – Kopf Richtung Lenkradstange und Zähne zusammen beißen. Hammer, zu was die Beine noch fähig sind, wenn man nur will. Alles Kopfsache!

So blöd es klingt, die letzten 50km verlaufen relativ unspektakulär. Plötzlich fahren wir in Rom ein. Die Sonne geht bereits unter, alles wirkt so surreal. Erst Recht, als wir auf einmal vor dem Colloseum stehen – das Ziel unserer Reise. Eben noch in Frankfurt und jetzt hier in Rom – unglaublich! Es wirkt alles so unwirklich, aber ich bin dankbar, diese Reise mitgemacht zu haben.

Jetzt kommt mein nächster großer Schritt: HAWAII

In dem Sinne
Keep calm & have fun
Euer Orange Hat

 

Ein platter Reifen auf dem Weg nach San Marino – Teil 3

Nachdem gestern der Wecker zu einer menschlichen Zeit klingelte, geht es jetzt wieder in den typischen Radonneur-Modus: Um 3.15 Uhr wecken, denn die Abfahrt ist um 4 Uhr.

Ob es am Bett oder an dem Liter Bier liegt, kann ich nicht sagen. Zumindest wache ich mit leichten Kopfschmerzen auf und habe platte Beine. Der Körper läuft auf Automatik und so sitze ich pünktlich um 4 Uhr wieder auf dem Rad Richtung San Marino.

Es geht über die welligen Straßen rund um den Comer See. Die Lichter strahlen. Es ist eine tolle Atmosphäre. Leider kann diese nur bedingt aufsaugen, denn das Hinterrad des Vordermann ist nur 15 cm entfernt. Ohne genervte Autofahrer sind die Tunneldurchfahrten morgens um 5 Uhr ziemlich erträglich.
Kurz vor Como geht es noch in einen Tunnel. Bis dahin war die Welt noch in Ordnung, aber kaum öffnet sich der Tunnel, kommen wir in einen Regenguss rein. Also rein in die Regenklamotten und weiter geht es. Nur keine Zeit verlieren. Der Tag wird noch lang.

Auf den Kilometern denke ich drüber nach, in den Bus zu gehen. Warum mache ich das Ganze? Immerhin habe ich noch Hawaii vor der Brust und überhaupt. Mein Nacken ist steif und alles schmerzt. Der Entschluss in Milano ins Auto zu steigen, manifestiert sich immer mehr. Bis…

Ja, bis ich einem Schlagloch vor mir nicht mehr ausweichen kann. Das Vorderrad bekomme ich noch hoch gezogen, aber das Hinterrad geht voll rein und verliert langsam Luft.

Um die anderen nicht aufzuhalten, steige ich schnell in den Bus und wechsle den Schlauch im Bus während der Fahrt. Unser guter Engel Nina hat sogar eine Kopfschmerztablette für mich. Das Ganze ist kurz vor der Einfahrt nach Mailand passiert – noch vor der Frühstückspause. So bleibe ich im Bus, bis wir die anderen erwischen.

Ein nettes Café erwartet uns. Die Croissants sind mit verschieden Füllungen vor Ort angereichert. EIN TRAUM.

Offenbar hat mir der Kaffee, das Croissant und / oder die Kopfschmerztablette geholfen. Egal was, aber ich kann wieder weiter fahren. Nächster Stopp ist Bologna in ca. 100 km, dachten wir.

Eine kleine Auswahl an Bilder von der unglaublichen SABRINA KRAL. Mehr Infos zu Ihr hier

 

Nach einigen Stunden Fahrt erscheint das erste Mal Bologna. 130km?!?!?!? Ich denke, es ging allen so. In dem Moment ist es so, als ob dir jemand einen Stecker zieht. Du bist völlig leer. Ein scheinbar nahes Ziel rückt gefühlt in weite Ferne.

Die Gruppe wird immer ruhiger und ruhiger. Es wird nur noch gefahren. Die Aufmunterung unseres Medienfahrzeug ist eine willkommene Abwechslung. Die „Fütterung“ (wir bekommen Burger und Pommes gereicht) während der Fahrt lenkt etwas ab, aber eine Pause ist unumgänglich.

Thomas hat Gnade mit uns, und wir machen bei einer Eisdiele eine kurze Pause. Lecker Eis und 30 Minuten sitzen bringen uns die Energie zurück, die wir brauchen, um auch noch die letzten 200 km zu überstehen. Es ist ein ständiger Kampf der Willenskraft. Langsam macht sich der Schweinhund bemerkbar und versucht mich zu überreden, ins Auto zu steigen.

Als Ablenkung gehe ich mit Julian an die Spitze. Wir fahren beide Aeroad von Canyon. Ein so geiles Rad hat natürlich auch einen Namen. Mein Rad heißt Fury und seines Olga.

Olga und Fury wurden genau für solche Strecken gebaut. Flach und schnell. Es sind die Räder, die uns antreiben, nach 200 km etwas Gas zu geben.

32 km/h – läuft
35 km/h – Druck auf den Beinen
37 km/h – Atmen wird schwerer
40-43 km/h – Aua!!!

10 km ballern wir an der Front mit ca. 38-40 er Schnitt durch die Po-Ebene. In enger Formation, wie zwei Kampfjetpiloten auf Speed. Hinter uns die Gang. Der Unterschied. Kampfjetpiloten müssen ihren Jet nicht durch Muskelkraft antreiben.

Es ist zwar verrückt, aber eine willkommene Abwechslung: Toll, was der Körper leisten kann. Fairerweise wissen wir beide, dass wir uns nach dieser kleinen Tempoverschärfung hinten ausruhen können. Denn der Windschatten macht doch einiges aus.

Je näher wir Bologna kommen, desto mehr wird auch wieder geredet. Die Stimmung wird wieder lockerer und bei der Einfahrt in Bologna ist die Welt wieder in Ordnung.

Pause! Fotos machen und weiter geht es. So ist zumindest der Plan, ein Gewitter zwingt uns 30 Minuten in der Arkaden von Bologna zu warten. Da der Bus mit den Klamotten außerhalb steht, verlieren wir wertvolle Minuten, um uns regenfest zu machen.

Das Ziel San Marino um 21 Uhr zu erreichen, wird unmöglich, auch wenn vorne wieder ordentlich Tempo gemacht wird. Die Durchfahrt von zwei Regenfronten trägt nur bedingt zur Erheiterung bei. Um 20 Uhr bekommen wir die Info, dass in San Marino leider kein Empfang auf uns wartet. Was aber auch verständlich ist, da unsere Ankunftszeit erst so gegen 23 Uhr sein wird.

Ich entschuldige mich hiermit offiziell bei der Gruppe: Beim finalen Anstieg war es mir nicht mehr möglich, in der Formation zu bleiben. Ich musste nach vorne oder nach hinten und alleine leiden. Nach hinten ging nicht, da sonst das Begleitfahrzeug zu weit weg von den anderen gewesen wäre. Also blieb nur vorne. Für einen Nichtradfahrer ist vermutlich schwer zu verstehen, aber für die Gruppe ist es nach 400km einfach blöd, wenn vorne einer sein Ding fährt. Und natürlich ist jeder zu dem Zeitpunkt angeschossen, dass man nicht mehr soo tolerant ist.

Trotzdem haben wir es alle gemeinsam geschafft und liegen um kurz vor 12 im Sammellager, acht Radler in einem Raum. Das beste am Schlafplatz – ICH WAR AM FENSTER 😉

In dem Sinne Keep calm & ride fast
Euer Orange Hat

Über den Splügenpass nach Roma – Tag 2

4:15 Uhr
Beine – check
Rücken – check

Also, raus aus den Federn und anziehen. Heute sollte es über den Splügenpass gehen. Dabei werden wir Österreich, Lichtenstein und die Schweiz durchqueren, um dann in Italien zu landen. Es sind zwar wieder „nur“ 300 km, aber dafür geht es über die Alpen.

Unsere Helfer haben uns schon Nutellabrote geschmiert. Mehr oder weniger pünktlich geht es los. Im Dunkeln rollen wir Richtung Bodensee. Noch fühlen sich die Muskeln völlig normal an. Ob es am Trainingsstand oder an der Gruppe liegt, weiß ich nicht. Vermutlich an beidem.

Auf dem Weg sammlen wir Simon ein, der in der Nähe von Freiburg wohnt. Simon haben wir auf der Tour nach Warschau getroffen. Er ist damals mit seinem Mountainbike, ohne Klick-Schuhe und mit vollem Gepäck ein paar Meter neben uns her „geballert“. Das Abenteuer nach Rom wollte er sich nicht entgehen lassen. Aber anders als bei uns ist seine Ausrüstung heroisch! Ein Stahlrennrad aus den 80ern mit Rahmenschaltung und 6 Gängen soll ihn mit seinen Wanderschuhen über die Tour begleiten. WAHNSINN.

Nach einer ausgiebigen Frühstückspause in einem Cafe am Bodensee geht es weiter. Apropos Essen. Was man sich auf so einer Tour reinschaufelt, ist unglaublich. Ich habe, glaube ich, Kiloweise Gummibärchen gegessen, gepaart mit Riegeln Gel und Wurst. Das war auch für meinen Magen eine Herausforderung. Aber ohne das ganze Essen hätte ich es vermutlich nicht über die Berge geschafft.

Apropos Berge. Langsam kommen sie näher. Die Alpen. Über dieses Massiv soll es es gehen. Nach etwa 180 km „einrollen“ beginnt der Anstieg. Davor waren es im Vergleich zu dem, was kommt, nur Bodenwellen. Jetzt gilt es über 42 km auf 1300hm zu „klettern“. Natürlich nicht einfach bergauf, sondern in Wellen.

Die Gruppe bleibt bis zu den finalen Serpentinen zusammen. Hier lass ich die meisten Jungs ziehen. Ich brauche meine Rhythmus den Berg hoch und möchte einfach alleine leiden (und sie haben mehr Power 😉 ). Eine Kurve um Kurve klettere ich Richtung Paß. Bei jeder Rechtskurve eröffnet sich mich mir diese wahnsinnige Aussicht in das Tal. Der Kopf genießt, die Beine leiden.

Oben angekommen wissen wir, es geht jetzt tendentiell nur bergab. Also Essen, warme Klamotten anziehen und ab geht die Lutzi (Wer war eigentlich Lutzi??) Die Bremsbeläge glühen, während wir eine gefühlte eine Stunde in das Tal ballern. 230 km stehen auf der Uhr.

Ganz ehrlich, auf die folgenden 70 km freue ich mich nur bedingt. Klar, bin ich schon länger gefahren, aber die Höhenmeter haben mir schon etwas die Körner gezogen. Das scheint der ganzen Gruppe so zu gehen, die Gespräche werden ruhiger, zur Entlastung des Rückens werden immer mehr Kilometer im Wiegetritt gefahren. Der Verkehr trägt auch nicht zur Entspannung bei. Unser Bus blockt zwar die Autofahrer ab, aber jeder, der überholt, ist extrem aggressiv. Auf der einen Seite kann ich es verstehen. Mit 25km/h über eine einspurige und kurvige Strasse zu zuckeln ist spaßbefreit. Wenn wir den Bus nicht hätten, würden noch viel mehr lebensgefährliche Überholmanöver gestartet.

So sind wir froh, schon um 18 Uhr bei unserem Hostel anzukommen. So früh waren wir noch nie am Zielort, aber das ist gut. Immerhin hat Kai heute seinen 40. Geburtstag und 3,50 EUR für einen Mojoto laden zum Feiern ein. Dazu das Barbecue und die Welt ist in Ordnung. Um 21 Uhr liege ich fertig mit Ohrstöpseln und 1l Bier intus im Bett. Ich bin platt.

Morgen warten 430km durch die Po-Ebene auf uns. Na dann, gute Nacht!

Keep calm & sleep well
Euer Orange Hat