Ironman Wales – Ironman kann jeder, Wales nicht.

Es peitscht der Wind an das Fenster. Ich blicke auf die raue See aus dem Erkerfenster von Myrtle House Hotel. Ja, das ist Wales. Rau und schön. Wie das Rennen, das hier vor 2 Tagen statt gefunden hat.

Um 4 Uhr ging es los. Runter in den Frühstücksraum, wo mich bereits die Tochter der Besitzerin (Jan) erwartet. Am Vortag wurde jeder Starter nach seinen Wünschen gefragt und so bekomme ich gleich meine Toasts geliefert. Die anderen Starter bekommen ihr Porridge hingestellt. Draußen ist es ruhig, dunkel und man hört noch keinen Wind oder Regen. Werden wir Glück haben? Auch das Hörnchen gesellt sich zu mir und begleitet mich zur T1, wo sie mich alleine ziehen läßt. Natürlich mit den entsprechenden Glückwünschen.  Es wird ein toller Tag!

Die letzten Vorbereitungen, ich fülle sicherheitshalber nochmal Dichtmilch in das Vorderrad von Fuchur. Ja, Black Beauty wurde auf dem Rücktransport von Hawaii beschädigt und ein neues Rad musste her. Es ist kein elegantes Rad, eher ein Drache. Gewaltig, aber schnell wie der Wind. Aber keiner der bösen Sorte, nein, ein Guter. Ein Glücksdrache, der durch die Lüfte fliegt. Wie Fuchur halt.

Die letzten Vorbereitungen sind getroffen, jetzt gilt es zu warten. Wales ist einfach GEIL.

Die Athleten begeben sich gemeinsam von der T1 auf den 1km Marsch zum Schwimmstart, vorbei an allen Supportern des Tages. Ein unglaubliches Erlebnis. Die Procession läuft unter dem Applaus der Zuschauer hinunter zum Schwimmstart, wo man seinen lila Beutel aufhängt, in dem man die Schuhe für den längsten mir bekannten Wechsel zwischen Schwimmausstieg und T1 aufbewahrt. Ich sehe das Hörnchen und werde sentimental. Was ein Glück das ich hier starten darf. Jetzt gilt es aber erstmal warten, bis die walisische Nationalhymne den Start ankündigt und unter „Thunder“, von ACDC, die Athleten, im Rolling Start, ihr Tageswerk beginnen.

Wie angekündigt ist die See, die flachste Stelle des Tages. Auf der zweiten Runde wird der Wellengang stärker, aber kein Vergleich zu 2015. Mit 1:05 komme ich aus dem Wasser, mit einer identischen Zeit wie 2015, aber es sind defintiv mehr Leute um mich herum. Ich erkenne das Hörnchen, das mich den ganzen Tag begleiten wird. Schön dass sie dabei ist. Auch sie ist unheimlich aufgeregt, und es wird auch für sie ein anstrengender Tag.

Jetzt geht es also los. Raus auf die Radstrecke mit Windstärke bis zu 40mph (ca. 60km/h). Der Anfang ist auch die einzige Stelle, an der man von „Drafting“ sprechen kann. Die Rolling Hills sorgen dafür das sich die Starter schnell verteilen und man nicht wirklich einen großen Vorteil durch Drafting bekommen kann. An alle, die sich über Drafting beschweren und ein Drafting freies Rennen wollen. Kommt nach Wales. Ihr solltet aber hart sein, denn meist ist nicht die Frage ob es regnet, sondern wie viel. So ist es dann auch. Nach 40 Minuten setzt er ein. Er ist mal stark, mal fein, mal hört er auf, um direkt danach sich wieder zu ergiessen. Und das Ganze bei Wind. Auch hier kann man wählen zwischen stark, leicht, böig, von vorne, von hinten, von der Seite, usw. Das Rennen ist einfach heroisch. Wer hier fährt, für den ist Hawaii oder Lanzarote ein Klacks. Aber der Hammer ist etwas anders. Etwas macht dieses Rennen zum besten der Welt. Es sind DIE ZUSCHAUER.

Bei diesem Wetter würden in Frankfurt, die meisten in der Wohnung oder Hotel bleiben und nur mal kurz rauskommen um ihre Athleten anzufeuern. Nicht aber hier! Sie stehen vor ihrer Farm, in den Häusereingängen, in den Pubs, an den Kreiseln. Und sie feuern jeden an, als ob er der erste wäre. Egal, ob du am Anfang vorbei kommst oder auf der zweiten Runde. Sie stehen da, im Regenmantel und feuern dich an. Dieses Publikum ist das geilste der Welt. Der Heartbreakhill von Saunderfoot war das Vorbild für Alpe de Huez. Sie stehen in engen Reihen, die Gitter halten sie ab, dass du den Berg hochkommst und sobald die Gitter weg sind steht eine Menschenwand vor dir. Die sich erst kurz vor dir wie eine Schleuse öffnet. Die Menschen tragen dich förmlich den Berg hoch.

Oder an einer anderen Stellen. Der steile 16% Anstieg kurz vor Heartbreak-Hill. Hier steht ein Zuschauer, der jedem Athleten auf der ersten Runde seine Platzierung zuruft. Mir sagt er: „onehundredseven, still Top200“. Wo gibt es sowas?

Auch das Hörnchen hat sich trotz Regen und Wind an das Ende des Heartbreakhill begeben und ich freue mich, als sie mir zuruft und mich anfeuert. Völlig durchnässt mit einem Orange Hat. Danke.

Für mich geht es weiter auf die zweite Runde, leider wußte ich hier schon, ich bin nicht so gut wie 2015. O.k. die Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 1,5km/h langsamer, kann ich noch auf die Verhältnisse schieben, aber 10 Watt weniger sprechen klare Worte. Egal, ich bin hier, beim geilsten Rennen der Welt und die Zuschauer tragen mich. In der zweiten Runde fahre ich Großteils einsam und alleine mein Rennen. Ich überhole einige langsamere und werde von einigen wenigen überholt. Meine Wattwerte sinken weiter und die Geschwindigkeit auch. Ich bin aber nicht enttäuscht sondern freue mich, und teilweise fliege ich förmlich mit Fuchur durch den Regen und den Wind. Ja, es regnet und windet. Keine Ahnung, wie einige hier mit Scheibe fahren können, ich kann mir nicht einmal vorstellen die 808 Zipps zu halten. Auf der zweiten Runde sind es zwar weniger Zuschauer, aber immer noch so viele, wie bei Sonnenschein und besten Bedingungen in Frankfurt auf der ersten Runde. Und genau so viele wie in Barcelona und Hawaii zusammen.

Mit 6:10 schließe ich das Radfahren ab und bin damit 35 Minuten langsamer als 2015. Egal, jetzt einen geilen Lauf und Spaß haben. Das Hörnchen brüllt mir zu, dass ich immer noch gut im Rennen bin und der Edelhelfer lässt ausrichten ich solle Gas geben. So fliege ich durch Tenby, auch hier ist der Unterschied zu 2015 erkennbar, war ich in 2015 noch allein, so sind jetzt doch viele Athleten bereits auf der Strecke, aber egal. Mein Bein laufen, ich sammel einen um den anderen ein. Auch meinen Kollegen vom Spiridon-Express sehe ich, und wir wünschen uns viel Erfolg.

Auch hier auf der Laufstrecke. Zuschauer, Zuschauer, Zuschauer. Es sind nicht Supporter von Startern, sondern viele Locals, denn sie feiern jeden. Die Unsitte von Supportern von Startern, die nur ihre Leute anfeuern, kennen sie hier nicht. (o.k. auch wir vom TTF feiern jeden Starter in Frankfurt) Mit meinem Hut bin ich natürlich auch gut erkennbar. So fliege ich über die erste Runde und das Hörnchen ruft mir zu das ich 46 Minuten für Runde eins gebraucht habe und der Edelhelfer ausrichten lässt, dass ich weiter aufhole.

Yes, also weiter Gas geben, strammen Schrittes geht es weiter. Bergauf mit kleinen aber stetigen Schritten, Berg ab zum Erholen. Wieder sammel ich andere Starter ein, wobei es nicht mehr so viele sind. Unterwegs gebe ich 100ter High-Fives oder besser gesagt „low-Five“, denn die Kids sind es, die sich freuen, wenn du sie abklatscht. Wie gesagt: die beste Crowd ever.

Runde drei, jetzt wird es hart, das Hörnchen ruft mir zu, ich solle nochmal Gas geben; ich sei schon wieder nach vorne gekommen. Ist die Quali vielleicht noch möglich? Runde drei wird schwer. Ich kämpfe mit einem Iren aus meiner AK, ich überhole ihn, er überholt mich. Das Hörnchen sagt, ich soll nochmal alles geben. Also wieder Vollgas, die Zuschauer tragen mich. Der Ire muss am Berg gehen, während ich ihn stehen lasse. Anders als in Frankfurt läuft es: alles schmerzt, aber ich kann laufen. Dann plötzlich bei km 40 „Hey du Wurst. Der Edelhelfer sagt, zwei vor dir platzen weg, gib Gas“ Das Hörnchen schreit mir dies zu während sie kurz neben mir fährt. Genau das ist, was mich motiviert. Ich kann nicht aufgeben, den anderen geht es auch schlecht. Ich glaube die letzten zwei km laufe ich wie die ersten. Mit Druck, vorbei an den Zuschauer. Die Massen vor den Pubs, die mich inzwischen alle kennen und anfeuern, als würden wir uns seit Jahren kennen. Es geht durch die Strassen von Tenby auf den Zielkanal zu. Ich kann es genießen. Es ist geschafft! mit einer guten Zeit bin ich im Ziel und glücklich.

Mit Platz 20 in der AK hat es definitiv nicht für die Quali gereicht, aber das ist egal. Es war eines der geilsten Rennen, mit den Zuschauern, dem Support vom Hörnchen und dem Edelhelfer aus der Ferne. Ein Rennen, wo jeder der gefinisht hat weiß das Rennen war fair und hart.

 

Wenn ihr das Rennen jemals macht, dann geht aber nach dem Rennen nochmal an die Strecke. Zieht euch das FInisher-shirt an und die Medallie um. Ich sag euch, ihr werdet gefeiert, als ob ihr gewonnen habt. Ich bekomme, Burger ausgegeben, einige vollen Fotos mit mir machen. O.k. mich erkennt man am Orange Hat, aber auch andere werden so gefeiert. So ziehe ich mit dem Hörnchen um die Häuser und bedanke mich bei allen Supportern.

 

Mein Fazit:

Das ehrlichste Rennen im Ironman-Zirkus, mit den besten Zuschauern der Welt. Ein must-have. ICH KOMME WIEDER!

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